Exklusiv, weil am Samstag so ein historisches Datum war, habe ich in meinem Soloprogramm den folgenden Text für dieses eine Mal aufgenommen. Und weil am Montag mein neues Buch "Wir hatten früher nur Asbest zum Spielen" heraus kam gibt es ihn heute auch in voller länge auf meinem Blog zu lesen! Vorsicht: Satire!
Adolf reloaded
Mein Opa war ein Nazi. Ein echter wohlgemerkt, er war im Dritten Reich einer der führenden Wissenschaftler des Nazi-Regimes gewesen und soll den Führer sogar persönlich gekannt haben. Das alles wäre kein Problem gewesen, wenn er seinen Fehler irgendwann eingesehen hätte. Nur leider hatte sich seine Einstellung auch während der Entnazifizierung Deutschlands nicht geändert. Opa wurde 101 Jahre alt, aber war bis zum Ende kerngesund und mental topfit. Wobei es fraglich ist, ob man über die mentale Leistungsfähigkeit von Nazis überhaupt eine Aussage machen kann. Die Meinung meiner Familie ist, dass Nazis gar kein Gehirn besitzen, ebenso wenig wie ein Herz.
Zu seinem 95. Geburtstag hatten wir vor, ihn ins Heim abzuschieben. Leider hat er dort die farbigen Pfleger beschimpft und versucht, ein Euthanasieprogramm an seinen bettlägrigen Heimgenossen durchzuführen. Die Heimleitung sah gerade noch von einer Klage ab, wir mussten Opa aber nach lediglich drei Monaten wieder zu uns holen.
Ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen hätten wir dem alten Teufel zwar allesamt moralisch verantworten können, dummerweise gehörte ihm nicht nur das Haus, in dem zum damaligen Zeitpunkt bereits vier Generationen unserer Familie wohnten, sondern auch noch ein immenses Vermögen. So duldeten wir seine Schikanen und ignorierten stets seine Bemerkungen und Spitzen. Die langwierigen Diskussionen hatten wir längst eingestellt, sie führten zu nichts, außer dass uns Opa als Deserteure, die man an die Wand stellen solle, beschimpfte.
Letzten Sommer bemerkten wir alle, dass Opa sich stark veränderte. Die aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrisen setzen ihm stark zu. Er wirkte geistig immer häufiger abwesend, blätterte in Politik- und Wirtschaftsteilen mehrerer Zeitungen und fluchte mehr als sonst über die Scheiß-Juden mit ihren Banken, die Kanacken, die uns die Arbeitsplätze wegnähmen und die Amis, die bald die ganzen Ölvorräte unter Kontrolle hätten. Außerdem verschwand er täglich stundenlang in seinem Hobbykeller, wo er früher höchstens zweimal die Woche für ein bis zwei Stunden verweilte. Kein Mitglied unserer Familie wusste, was er dort tat oder was sich dort unten befand. Die feuerdichte Tür war stets verschlossen und mehrfach verriegelt. Er wollte auch nie erzählen, was er dort unten trieb und blockte jedes Nachfragen ab. „Und wenn ich da unten eine Gaskammer hätte und heimlich Schwule vergasen würde, geht euch das einen feuchten Kehricht an!“ Sprüche dieser Natur waren meist das jähe Ende unserer Verhörversuche.
Da wir keinen Gasanschluss hatten, wussten wir zumindest, dass dies nicht zutreffen konnte, auch wenn wir es ihm allesamt zugetraut hätten. Mein Vater merkte in diesem Zusammenhang im kleinen Kreis einmal an, dass unsere Stromrechnung allemal viel zu hoch sei, für die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen. Als wir Opa darauf ansprachen antwortete er nur: „So lange ich den Strom zahle kann's euch egal sein! Selbst wenn ich ein Solarium im Keller hätte, um mir Neger zum Baumwolle pflücken zu basteln!“ Als wir ansprachen, dass es ja auch um unsere Umwelt ginge, beschimpfte er uns als „Scheiß-Hippies“ und murmelte mal wieder etwas von „Früher hätt's das nicht gegeben.“ Wir legten den Fall damit gedanklich ad acta und versuchten nicht mehr daran zu denken, was er für mögliche Abscheulichkeiten im Keller ausbrütete. Aus heimlichen Nachforschungen wussten wir zumindest, dass er im Naziregime eine führende Rolle in den Rassenexperimenten einnahm und einer der Vorreiter der heutigen Genforschung war. Wir trauten ihm somit alles zu.
Alles bis auf eines! Und genau das vollbrachte er, Gott – oder noch besser der Teufel – weiß, wie er es geschafft hatte. Es war an einem regnerischen Samstagnachmittag. Wir saßen nichtsahnend bei Kaffee und Kuchen beisam-men, während Opa einmal mehr im Keller werkelte. Plötzlich hörten wir einen Freudenschrei aus den Grundmauern des Hauses. „Heureka!“ schrie er in einer infernalischen Lautstärke, stürmte kurz darauf ins Esszimmer und führte einen Freudentanz auf, den er gesanglich mit der ersten Strophe der Nationalhymne untermalte. Direkt danach, saß er eine Viertelstunde im Ohrensessel und hielt sich abwechselnd Knie oder Rücken. Wir alle hatten aufgehört zu kauen und warteten gespannt, was Opa nun gleich tat oder sagte. Er humpelte wieder in den Keller und wir nutzen die Zeit, um die im Mundraum flüssig gewordene Kuchenmasse hinunterzuschlucken, trauten uns aber nach wie vor nicht, zu sprechen.
Unvermittelt stand Opa wieder im Zimmer. Er hatte seine alte Naziuniform, die er sonst nur zu besonderen Anlässen anzog, meist am 20. April, übergeworfen und einen feierlichen Ausdruck im Gesicht. „Ich möchte euch jemanden vorstellen,“ sagte er, „erhebt euch für den Führer!“ Wir starrten mit offenem Mund erst uns, dann Opa, dann wieder uns an und waren uns sicher, dass der alte Mann nun endgültig übergeschnappt war. Er wiederholte seinen Befehl diesmal etwas lauter und weniger feierlich und um seine Forderung zu unterstreichen, zog er seine Armeepistole aus dem Halfter und bedrohte uns. Dass er notfalls abdrücken würde, war uns allen klar.
Der ein oder andere UPS-Fahrer hatte das schon gemerkt. Glücklicherweise ohne ernsthafte Schäden, was zum einen daran lag, dass die flott sind im Ducken (weil sie das von ihrem Unternehmen her gewohnt sind) und zum anderen, dass sie so schlecht bezahlt sind, dass sie stets mit verhältnismäßig wenig Schweige-geld vor einem Gang zur Polizei abgehalten werden konnten.
So standen wir auf wie uns befohlen und Opa öffnete die Tür. Dahinter kauerte ein Mann auf allen Vieren, der auf eindrucksvolle Art wie Adolf Hitler aussah und nun begann auf wackeligen Händen und Füßen ins Zimmer zu krabbeln. Opa hob den rechten Arm zum Gruß und intonierte „Heil Hitler“. Er deutete uns an, es ihm gleich zu tun und da in seiner Linken immer noch die geladene Pistole auf uns zielte, streckten wir widerwillig den Arm nach oben und murmelten verstohlen und unwillig „Heil Hitler“.
„Ich habe den Führer geklont“, sagte Opa stolz und wartete wohl auf Jubelschreie oder Applaus, da er eine längere Kunstpause setzte. Da aber nichts davon eintrat, sprach er weiter: „Wird Zeit, dass einer aufräumt in diesem Land, bevor alles den Bach runter geht. Er gehört ab heute zur Familie, im Prinzip ist er auch Teil der Familie, ich hab mir immer wieder mal ein paar Körperzellen von euch ausgeliehen, als ihr schlieft.“ Uns klappten synchron die Kinnladen auf, wir wollten protestieren, auch wenn es dafür schon zu spät war, aber Opa machte diesmal keinen Taktschlag Pause, sondern sprach unbeirrt weiter: „Wie dem auch sei, der Körper ist fertig, der Geist und die motorischen Fähigkeiten sind allerdings noch im Säuglingsalter, das heißt wir werden ihn wohl allesamt ein wenig aufpäppeln müssen, bevor er die Macht ergreifen kann.“ Dann begann er die Aufgaben zu verteilen. Meine Schwester und meine Mutter wurden für Wickeln und Baden abgestellt, mein Vater sollte ihm gutes Deutsch beibringen, die Kinder meiner Schwester, sechs und acht Jahre alt, sollten gelegentlich mit ihm spielen. Er selbst würde ihm Rhetorik, Disziplin und Misanthropie beibringen.
Dann sah er mich eindringlich an: „Und du“, begann er im Befehlston, „hältst dich von ihm fern!“ Als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer und freischaffender Künstler war ich nach Großvaters Meinung das schwarze Schaf der Familie. Er hatte wohl Angst, dass ich einen – in seinen Augen – negativen Einfluss haben könnte. Ebenfalls machte ihm Sorgen, dass ich noch nicht verheiratet war und zuddem missfiel ihm mein Freundeskreis, in dem sich – Achtung Zitat: „nur Huren, Alkoholiker, Taugenichtse, Drogensüchtige und Schwule“ befänden. Gut, das mit meinen Freunden stimmte sogar, aber so ist das eben in Künstlerkreisen.
Wir konnten uns einmal mehr nicht durchsetzen gegen den Tyrann, damit meine ich nicht den Führer, der war ja noch ein Baby, sondern den größten Despoten, den diese Erde je gesehen hat, unseren Opa. Klein-Adi, wie wir ihn liebevoll nannten, entwickelte sich indes sehr schnell und wir gewannen ihn irgendwie auch lieb. Das Kindchenschema wirkte trotz seines Schnauzbarts. Er konnte aber auch einfach zu lieb gucken mit seinen Kulleraugen. Es war natürlich nicht immer leicht mit ihm. Das genetische Programm und Opas „Erziehung“ sorgten dafür, dass wir ihn nach zwei Wochen auf dem Boden sitzend beim Bücher anzünden erwischten. Fünf Tage darauf begann er zu laufen und nur einen Tag danach konnte er schon marschieren. Wie jeder kleine Junge machte auch Adi Streiche. Er warf Fensterscheiben ein, wenn auch sehr zielgerichtet nur Fensterscheiben von Synagogen. Er sammelte Luftballons, die mit Gas gefüllt waren und lagerte sie in seinem Zimmer. Gelegentlich verkleidete er sich als Pole und fing in Bierzelten Schlägereien an. Er lernte sehr schnell bis 1.000 zu zählen und konnte Deutschland maßstabsgetreu aus dem Gedächtnis zeichnen. Wenn auch nur in den Grenzen von 1939.
Überhaupt war Zeichnen seine große Leidenschaft. Er malte heimlich Landschaften und Mickey Maus Figuren, versteckte sie aber immer, da Großvater, wie schon erwähnt, kein Freund der Künste war. Eine Tages erwischte ihn Opa, als er gerade eine schöne Berglandschaft mit einer lachenden Sonne malte. Der alte Herr flippte aus und schimpfte wüst mit Adolf, was ihm einfiele, er solle doch seine Hausaufgaben machen und einen Aufsatz mit dem Titel „Mein Kampf“ schreiben. Daraufhin zerriss er die Bilder und zerbrach die Stifte. Die Worte: „Wenn du noch einmal so einen Schund malst, gibt’s was auf die Ohren!“ schallten laut und deutlich durchs Haus. Adolf rannte in sein Zimmer und weinte stundenlang. Um 5:45 in derselben Nacht schlich er sich aus dem Haus und war verschwunden.
Wir waren alle sehr gespannt, wie lange es dauern würde, bis er irgendwo auffiel und sein Bild durch die Medien ging, aber nichts geschah. Opas Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, sein Lebenswerk oder wie er sagte: „68 Jahre Arbeit“ hatten sich verflüchtigt. Nach einigen Wochen fanden wir plötzlich einen Brief im Postkasten vor. Er kam von Adi. Er schrieb, dass er in Wien an der Kunstakademie aufgenommen worden sei und hatte auch ein paar Fotos von sich und seinen neuesten Werken beigelegt. Uns überraschten nicht so sehr die Fotos seiner Gemälde, sondern eher die Abzüge, die ihn zeigten. Er hatte sich den Schnauzer abrasiert, trug blondierte und modisch gestylte Haare und war auf einem Bild Arm in Arm mit einem jungen Mann abgebildet. Laut den Zeilen des Briefes handelte es sich um Guido, einen Museumspädagogen, den er offiziell als seinen Lebensgefährten vorstellte.
„Nein!“ schrie Großvater auf. „Geschichte ist nicht veränderbar! Das muss alles anders laufen.“ Dabei fasste er sich ans Herz und sackte zusammen. Ich ging in die Hocke und hielt meinem Großvater die Hand.
„Nein Opa“, begann ich, „das ist der richtige Lauf. Damals ist etwas schief gegangen. Damals. Wenn man den Menschen freie Entfaltungsmöglichkeiten bietet, Kunst nicht mit Sachverstand bewertet und schlecht redet und jedes Individuum bei seinen Träumen und Wünschen unterstützt, statt es in Konformitätsförmchen ideologischer Pseudowertvorstellungen zu pressen, dann läuft die Geschichte immer gut. Tyrannen, Hass und Krieg werden immer nur durch Einschränkungen körperlicher und geistiger Freiheiten zur Bedrohung.“ „Aber..., aber...“ setzt der Sterbende an, doch er konnte meinen bedeutungsschwangeren Worten nichts mehr entgegensetzen und tat seinen letzten Atemzug.
Zu richtiger Trauer war meine Familie nicht fähig, zu viel hatten wir mit Opa mitgemacht. Trotzdem hinterließ er eine gewisse Lehre im Haus. Leider nur im Haus, denn verkappte Nazis gibt es auf der Welt noch zuhauf. Oft sind sie angesehene Männer mit auffälligen Anzügen und mit wichtigen Ämtern bekleidet. Sie schreiben Bestseller und nehmen sogar Friedensnobelpreise in Empfang. Das ändert nichts an ihren Absichten, die Menschheit zu spalten. In Schwarz und Weiß, in Christen und Muslime, in Männer und Frauen, in Arm und Reich. Wer es schafft, die Menschen in kleine Gruppen zu spalten, die sich gegenseitig misstrauen, der kann Macht über sie ausüben. Hitler hat das gewusst. Und es ist auch heute kein Geheimnis. Und trotzdem fallen wir allzu häufig darauf rein…
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Apropos Hitler. Der hat sich ein Pseudonym zugelegt und der Landschaftsmalerei abgeschworen. Er gehört mittlerweile weltweit zu den Lieblingen der abstrakten Malerei und ist in den angesagten Galerien von New York bis Paris vertreten. Ab und zu schreibt er noch einen Brief und lädt uns immer wieder zu einer Vernissage ein. Ich denke wir werden bald einmal hinschauen. Man soll ja immer aufgeschlossen bleiben für Neues…