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  • Was soll ich anziehen?

    ta-Dahhh! Ein neues Kapitel aus Schatz und ich, meinem großen Beziehungsroman. Exklusiv au www.michls.blog.de Viel Spaß beim Lesen! Und wer Lust hat mich auf FB zu liken, darf das gerne bei der Gelegenheit tu :D http://www.facebook.com/jakobmichl

    Was soll ich anziehen?

    „Ich finde einfach nichts zum Anziehen!“ höre ich Schatz fluchen, während ich gerade den vierten Snake-Rekord in Folge in meinem Handy geschafft habe. Ich steh seit über 60 Minuten fertig angezogen im Flur und beschäftige mich mit Handyspielen, während Schatz noch nach einem passenden Outfit sucht. Schatz kommt aus der Tür des Schlafzimmers, was eigentlich seit einigen Jahren kein Schlafzimmer mehr, sondern ein begehbarer Kleiderschrank ist, in dem ein kleines Futonbett Platz gefunden hat...

    „Das sieht Scheiße aus!“ sagt sie und präsentiert sich im aktuellen Gewand. „Das liegt vielleicht nicht unbedingt an den Klamotten, sondern an der Figur“, denke ich. Schatz haut mich und beginnt zu weinen. Kann ja Gedanken lesen. Sie verschwindet wieder im Schlafzimmer, reißt ihre Klamotten runter, legt sich in Unterwäsche ins Bett und beginnt herzzereißend zu heulen. Da sie das fast jeden Tag mach zerreißt es mit nicht das Herz, höchstens die Nerven. Da wir eh schon eine Stunde zu spät sind, habe ich die Wahl, abzuwarten, dass sie sich beruhigt, was bestimmt zum Knacken sämtlicher Highscores auf meinem Handy reicht, aber zur Folge hätte, dass es sich nicht mehr lohnt auf die Grillparty unserer Freunde zu gehen.

    Die andere Alternative ist ich eile ihr schnellstens zur Hilfe und helfe ihr beim Beruhigen und bei der Auswahl ihrer Klamotten. Darauf habe ich zwar ungefähr so viel Lust wie ein Pinguin auf einen Sahara-Durchquerung, aber ich will unbedingt zu meinen Steaks und meinem Bier vom Fass kommen. So ziehe ich meinen mittlerweile durchgeschwitzten Mantel aus, hänge ihn an der Garderobe ab und versuche Schatz zu trösten. „Du hast doch mindestens 1.000 Klamotten, komm, wir finden da jetzt was schönes!“

    „Davon sind aber 950 beim Waschen eingegangen“, sagt Schatz, die einfach nicht mehr in Kleidergröße 36-38 passt, aber zu eitel ist die Sachen wegzugeben. „Dann hol doch mal die raus, die passen“, versuche ich konstruktiv zu sein. Schatz rappelt sich auf, legt ein paar Klamotten auf das Bett stellt sich in Präsentierpose auf und sagt: „Die neueste Kollektion aus Madrid: Putzlappen, Lumpen, Umzugsdecken und Stofffetzen für die antike Frau von vorgestern.“ „Sarkasmus bringt uns jetzt auch nicht weiter“, sage ich trocken und ignoriere den versteckten Hinweis, dass Schatz demnächst wohl wieder mal mit mir shoppen gehen möchte... Was ich aber gerne vermeiden möchte wie NitroGlycerin starke Erschütterungen.

    „Hier, hier und da!“ sage ich und halte Schatz eine schwarze Jeans, eine schwarzes Shirt und eine schwarze Bluse hin. „Wir gehen auf ein Grillfest und nicht auf eine Beerdigung!“ schimpft Schatz. „Aber es passt zusammen und ich trage auch schwarz!“ „Du trägst ja fast nur schwarz!“ sagt Schatz, womit sie recht hat. Ich habe vor ein paar Jahren meine komplette Garderobe umgestellt auf zeitlos, damit ich mir nicht dauernd überlegen muss, was ich anziehe. „Dann das hier und das und das“ sage ich Schatz und reiche ihr etwas farbenfrohere Teile. „Willst du mich als Clown an einen Zirkus verkaufen?“ fragt Schatz, ich verkneife mir zu denken, dass man als Clown Menschen zum Lachen bringen muss, nicht zur Weißglut, denke es wohl aber doch ein bisschen, weil Schatz mich wieder haut und „Blödmann!“ keift.

    Ich nehme eine blaue Jeans, ein dunkelgrünes T-Shirt und einen schwarzen Rock mit Trägern, oder was auch immer das ist, also eigentlich so ne Art T-Shirt mit Trägern dran, so Zeug was halt gerade in Mode ist und bei H & M verkauft wird. Ich frage mich bei den Dingern immer, ob sich die irgendein Modeschöpfer ausgedacht hat oder ob die Kinder in Bangladesch einfach nur Ausschuss produziert haben und man das Zeug jetzt versucht loszukriegen. Jedenfalls ist es in Mode. Schatz hebt die Augenbraue, zieht es aber doch an und wie durch ein Wunder wirkt sie zufrieden. „Naja, geht“ sagt sie um anzufügen, dass sie jetzt noch die passenden Schuhe holen müsse und verschwindet dann in den Keller über den ich die Vermutung hege, das Schatz ihn heimlich an Deichmann vermietet hat, der ihn als europäisches Zentrallager für Schuhe der Größe 39 nutzt.

    Irgendwann kommt Schatz wieder zurück, mein Handyakku ist mittlerweile leer und wir fahren los. Als wir auf der Party ankommen, verabschieden sich gerade die letzten Gäste, das übrig geblieben Grillgut ist längst eingefroren, dass Bierfass leer. Ich bekomme noch ein Flaschenbier, dann gehen wir wieder. Immerhin hat Schatz ein schlechtes Gewissen und will mich zum Burger King einladen.„Die grillen ja auch auf Feuer“, sagt Schatz. Da sie keine zu den Klamotten passende Handtasche gefunden hatte, hat sie allerdings kein Geld dabei so dass ich zahlen muss. Während ich meinen wabbeligen Whopper hinunter würge und die halbkalten Pommes dazu in den Mund schiebe, kaut Schatz an ihrem kleinen Salat.

    Wir schweigen uns lange an und Schatz merkt, dass meine Stimmung nicht die beste ist. „Bin ja auch vier Stunden im Flur gestanden“, denke ich und Schatz sagt: „Ich koch dir morgen einen feinen Braten!“ und streichelt mir dabei über die Wange. Ich verstehe das als Drohung und frage mich, warum ich denn noch mehr bestraft werde. Schatz kann nämlich nicht kochen, aber das ist eine andere Geschichte zu der morgen wohl ein neues Kapitel geschrieben wird und während Schatz die Schinkenstreifen aus dem Salat puhlt um sie auf mein Tablett zu legen, notiere ich mir heimlich auf der Rückseite des Burger King Kassenzettels: „Feuerlöscher für die Küche kaufen“

  • Der alte Mann und das Navi

    Yeah! Ich bin mal weider pünktlich dran! Und der Montags-Text ist frisch von gestern Abend. Ein modernes Märchen würde ich mal sagen, wenn man ihn in eine Schublade stecken möchte. Viel Spaß damit! Und: Ich freue mich ehrlich über Kommentare und Feedback, danke und bis nächsten Montag?

    Der alte Mann und das Navi

    Im Vorort einer mittelgroßen fränkischen Stadt lebte ein alter Mann. Er war seit vielen Jahren alleine, da seine Frau früh gestorben war, und saß oft stundenlang auf der Veranda oder werkelte im Vorgarten seines kleinen Häuschens an einer kaum befahrenen Straße. Nun begab es sich aber, dass an einer Kreuzung unweit entfernt der Wegweiser zum örtlichen Krankenhaus leicht schräg stand, so dass immer wieder ortsfremde Personen an eben jenem kleinen Häuschen vorbeifuhren. Oft hielten sie an, wohl wissend, dass sich das Krankenhaus kaum in dieser Wohngegend verstecken konnte und fragen den alten Mann nach dem Weg. Er gab geduldig Auskunft, lotste sie zu der Kreuzung zurück und sagte ihnen, dass sie dort rechts abbiegen mussten und dann genau auf das Krankenhaus zufuhren.

    Oft verwickelte er sie in ein kurzes Gespräch und musterte den Fahrer oder die Fahrerin dabei eingehend. Nicht wenigen stellten sich die Nackenhaare auf, so klar und durchdringend waren die Augen des Anwohners. Was sie nicht ahnten: Er konnte Gedanken lesen. Nicht alle, aber er spürte das, was die Menschen in diesem Moment am meisten bedrückte oder beschäftigte. Wenn das Auto weiterfuhr merkte er sich blitzschnell das Kennzeichen, schrieb es auf einen kleinen Zettel und machte sich Notizen über die Probleme und Gedanken des Halters. Da der Mann früher bei der Polizei gearbeitet und dort noch gute Kontakte hatte, war es ihm möglich die Adressen der Leute herauszufinden.

    Viele Menschen machen sich unnötige Sorgen. Genau betrachtet sind die meisten Sorgen unnötig, denn vieles war nicht zu ändern, einiges war so naheliegend, dass man oft von selbst nicht auf die Lösung kommt, aber vor Schamgefühl mit niemanden darüber sprach. Was der Mann in solchen Fällen machte: Er schrieb anonyme Briefe an die Menschen. Diese waren oft verwundert, überlegten wann und wie sie sich möglicherweise verplappert hatten, aber die Ratschläge, die der alte Mann gab, führten stets zu einer Lösung oder zumindest zu einer Verbesserung ihrer Sorgen und Probleme. Hunderten von Menschen hatte der Pensionär geholfen ohne jemals selbst etwas dafür verlangt zu haben. Er freute sich einfach daran Gutes zu tun.

    Doch je mehr Jahre ins Land strichen, desto seltener hielten die Menschen am Häuschen, um den alten Mann nach dem Weg zu fragen. Fast alle hatten mittlerweile ein Navigationsgerät in ihrem Auto oder zumindest auf ihrem Smartphone, so dass sich nicht nur weniger Leute verfuhren, sondern auch die paar, die das schafften, spätestens dann die entsprechende App öffneten, damit sie nicht in die missliche Lage kamen andere Menschen nach dem eigenen Weg zu fragen. Durch die moderne Technik war man kaum noch in der Lage auf fremde Menschen zuzugehen, ein direktes Gespräch zu führen oder sich einfach auf seine Instinkte zu verlassen.

    Ich selbst besitze noch immer kein Navi oder ein Handy mit Internetzugang. Ich lebe nach der Philosophie, dass es zwar sicherlich schneller geht von A nach B zu kommen, aber dass in C möglicherweise spannende Dinge passieren, die man verpasst, wenn man immer den direkten Weg geht. So schaffte ich es mich just in dieser Stadt zu verfahren, als ich zu einem Besprechungstermin fuhr, der eine Seitenstraße vom Krankenhaus entfernt war. Ich fragte den alten Mann nach dem Weg, als er gerade dabei war welke Blüten von den Geranien, die auf der Gartenmauer standen zu zupfen. Er lotste mich sicher an mein Ziel und wenige Tage danach hatte ich einen Brief in meinem Postkasten.

    Deshalb kann ich diese Geschichte erzählen. Es ist seine Geschichte! Ich war während der Autofahrt gerade dabei mir neue Texte zu überlegen und hatte wohl eine kleine Schreibblockade, über die ich mich tierisch ärgerte. Ich wollte unbedingt einmal wieder eine spannende Geschichte erzählen können, aber nichts wollte mir einfallen. Jetzt kenne ich sein Geheimnis. Natürlich wollte ich mehr über diesen Mann wissen. Da ich weder seinen Namen noch die Adresse im Telefonbuch fand, beschloss ich eine zweite Autofahrt in Kauf zu nehmen. Ein Mann der Gedanken lesen kann und Menschen hilft, das ist nicht nur eine grandiose Geschichte, das ist etwas für das Fernsehen, für die Wissenschaft, etwas, das die Welt erfahren muss, dachte ich.

    Als ich minutenlang am Haus stand und klingelte, kam mir eine Nachbarin entgegen. Herr Rotmann sei vorgestern verstorben, sagte sie. Saß auf der Veranda und sei mit einem Lächeln im Gesicht eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Ich war zunächst schockiert, aber ich glaube mittlerweile verstehe ich. Er wusste wohl, dass es mit ihm zu Ende ging, sonst hätte er seine Geschichte wohl auch nicht erzählt. Er wollte keinen Rummel um seine Person. Er wollte nur helfen. Und ich glaube ich habe dadurch etwas gelernt: Wenn mich Sorgen plagen, überlege und suche ich nach naheliegenden Lösungen oder rede mit Menschen, die mir nahe stehen, darüber. Gemeinsam kann man sich leichter davon befreien. Und: Ich werde auch weiterhin ohne Navi unterwegs sein, denn aus Versehen am Ort C zu landen, kann das Leben verändern!

  • Die Rache der Crashtest-Dummies

    Ich weiß, einen Tag zu spät, dafür gibt es was ganz neues, also gerade jetzt getippt, einmal mehr etwas komplett anderes. Viel Spaß damit!

    Die Rache der Crashest-Dummies

    Mit aktuell 60 km/h rast das Auto auf die Betonwand zu. Ich sitze auf dem Fahrersitz, neben mir sitzt Herr Reidmüller, mein Chef. Wir schauen uns mit angstverzerrten, geweiteten Augen an. Wir würden schreien, wenn unsere Münder nicht mit Gaffa-Tape verklebt wären. Ich würde bremsen, wenn nicht der Rest meines Körpers auch mit dem Gewebeband gefesselt wäre und das Gaspedal sich steuern ließe... Der Aufprall steht unmittelbar bevor...

    Zwei Stunden vorher.

    Es ist später Freitag Abend. Herr Reidmüller und ich schieben Überstunden. Wir arbeiten in der Zertifizierungsstelle neuer Fahrzeugmodelle der Automobilindustrie, kurz gesagt, wir führen Crash-Tests durch. Aufgrund einer Panne, beschloss unser Chef eine Testphase erneut durchzuführen, die sich aber aufgrund von Computerproblemen immer weiter verzögerte. Irgendwann sagte Herr Reidmüller wir sollen ins Wochenende verschwinden, er würde den einen Testlauf auch noch alleine hinbekommen, so dass wir am Montag morgen die Ergebnisse abliefern könnten.

    Ich entschied mich zu bleiben und ihm zu helfen. Während auf alle anderen Familie, Kinder oder sonstiges warteten, war meine Option für den Freitag Abend mich zu Hause vor dem Fernseher zu betrinken oder in einem schäbigen Pub abzustürzen. Ich hatte mich vor sechs Wochen von Jasmin getrennt, nach langer unbefriedigender Beziehung, und stand nun Mitte dreißig wieder bei null. Die letzten Wochenenden liefen jedenfalls so ab, dass ich in Selbstmitleid versinkend meine Scham in Alkohol ertränkte.

    Wir bauten die Versuchsreihe auf, während draußen ein lautstarkes Sommergewitter aufzog, und schnallten die 150.000 Euro teuren Crahtest Dummies auf die Vordersitze des neuen Mittelklasse-Modells einer führenden deutschen Automarke. Ein letztes Mal überprüften wir die Sensoren, die uns mit einem Aufprall vierzig verschiedene Daten zur Auswertung liefern sollten, und stellten uns an den PC-Arbeitsplatz, um die Fahrt Richtung Betonwand maschinell zu starten.

    In diesem Moment schlug ein Blitz ein, ein öhrenbetäubender Lärm ließ unsere Gehörgänge erzittern und für einige Sekunden wurde es dunkel, bevor die Notstromversorgung ansprang. Mein Chef fluchte und ich war erstaunt, welche Ausdrücke der sonst so beherrschte Chef-Ingenieur drauf hatte, er muss wohl früher bei einer Studentenverbindung aktiv gewesen sein. „Jetzt ist bestimmt alles im Eimer!“ schimpfte er, als er sich einigermaßen beruhigt hatte. Im schummrigen Notlicht wagten wir uns zum Testwagen vor, um nach dem Rechten zu sehen. Erst wenige Schritte vor dessen Erreichen erkannten wir, dass alle Sitze des Fahrzeuges leer waren. „Wo sind die Gummipuppen?“ rief mein Boss aus, als wir unmittelbar or dem Wagen standen.

    „Gummipuppen“ ist die scherzhafte Bezeichnung der Dummies in unserer Abteilung, aber davon abgesehen hatte er vollkommen recht, sie waren verschwunden! „Die können sich doch nicht in Luft auflösen?“ stammelte ich, leicht verunsichert, weil in diesem Moment wieder Blitze den Raum aufflackern ließen und kurz danach ein enormes Donnergrollen durch die Halle dröhnte. Das Geräusch eines fallenden Werkzeuges ließ uns aufschrecken und nach hinten umdrehen. Just in diesem Moment flackerte die nächste Blitzsalve auf und im stroboskopartigen Lichtgewitter ragten vor uns die Umrisse der Crashtest-Dummies aus der Dunkelheit hervor...

    Es waren nicht nur die beiden, die wir vor wenigen Augenblicken noch im Wagen fixiert hatten, mit denen wären wir ja fertig geworden, schließlich besitzen sie ähnliche physische Eigenschaften wie Menschen, waren also mit einen großen Schraubenschlüssel und einigen kräftigen Schlägen durchaus klein zu bekommen. Aber vor uns standen, wie wir jetzt auch im Schummerlicht der Notstromanlage erkannten, alle Crahstest-Dummies unseres Instituts. Mit Hunde-, Kinder- und Baby-Dummies 43 Stück. Ehe wir den Fluchtreflex in eine tatsächliche Fortbewegung umsetzen konnten hatten sie uns umringt und bewegten sich unaufhaltsam auf uns zu. Als ich eine undefinierbare Anzahl kalter Kunststoffhände an meinem Körper spürte verlor ich das Bewusstsein.

    Jetzt

    Vor wenigen Augenblicken entkam ich der Ohnmacht und sitze nun in einem fahrenden Auto. Die Tachonadel ist mittlerweile bei 75 km/h, Die Wand unmittelbar vor uns. Aus dem Augenwinkel sehe ich noch wie Herr Reidmüller die Augen zusammenkneift. Ich denke an Jasmin und den schäbigen Pub in dem ich mittlerweile bei meinem sechsten Bier sitzen könnte und daran, ob die Crashtest-Dummies möglicherweise auch ein Bewusstsein haben und was wir ihnen in all den Jahren seit ihrer Erschaffung angetan haben. Ich bitte in Gedanken pauschal um Vergebung, dann spanne auch ich jeden Muskel meines Körpers und schließe die Augen...

  • Adolf reloaded

    Exklusiv, weil am Samstag so ein historisches Datum war, habe ich in meinem Soloprogramm den folgenden Text für dieses eine Mal aufgenommen. Und weil am Montag mein neues Buch "Wir hatten früher nur Asbest zum Spielen" heraus kam gibt es ihn heute auch in voller länge auf meinem Blog zu lesen! Vorsicht: Satire!

    Adolf reloaded

    Mein Opa war ein Nazi. Ein echter wohlgemerkt, er war im Dritten Reich einer der führenden Wissenschaftler des Nazi-Regimes gewesen und soll den Führer sogar persönlich gekannt haben. Das alles wäre kein Problem gewesen, wenn er seinen Fehler irgendwann eingesehen hätte. Nur leider hatte sich seine Einstellung auch während der Entnazifizierung Deutschlands nicht geändert. Opa wurde 101 Jahre alt, aber war bis zum Ende kerngesund und mental topfit. Wobei es fraglich ist, ob man über die mentale Leistungsfähigkeit von Nazis überhaupt eine Aussage machen kann. Die Meinung meiner Familie ist, dass Nazis gar kein Gehirn besitzen, ebenso wenig wie ein Herz.

    Zu seinem 95. Geburtstag hatten wir vor, ihn ins Heim abzuschieben. Leider hat er dort die farbigen Pfleger beschimpft und versucht, ein Euthanasieprogramm an seinen bettlägrigen Heimgenossen durchzuführen. Die Heimleitung sah gerade noch von einer Klage ab, wir mussten Opa aber nach lediglich drei Monaten wieder zu uns holen.

    Ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen hätten wir dem alten Teufel zwar allesamt moralisch verantworten können, dummerweise gehörte ihm nicht nur das Haus, in dem zum damaligen Zeitpunkt bereits vier Generationen unserer Familie wohnten, sondern auch noch ein immenses Vermögen. So duldeten wir seine Schikanen und ignorierten stets seine Bemerkungen und Spitzen. Die langwierigen Diskussionen hatten wir längst eingestellt, sie führten zu nichts, außer dass uns Opa als Deserteure, die man an die Wand stellen solle, beschimpfte.

    Letzten Sommer bemerkten wir alle, dass Opa sich stark veränderte. Die aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrisen setzen ihm stark zu. Er wirkte geistig immer häufiger abwesend, blätterte in Politik- und Wirtschaftsteilen mehrerer Zeitungen und fluchte mehr als sonst über die Scheiß-Juden mit ihren Banken, die Kanacken, die uns die Arbeitsplätze wegnähmen und die Amis, die bald die ganzen Ölvorräte unter Kontrolle hätten. Außerdem verschwand er täglich stundenlang in seinem Hobbykeller, wo er früher höchstens zweimal die Woche für ein bis zwei Stunden verweilte. Kein Mitglied unserer Familie wusste, was er dort tat oder was sich dort unten befand. Die feuerdichte Tür war stets verschlossen und mehrfach verriegelt. Er wollte auch nie erzählen, was er dort unten trieb und blockte jedes Nachfragen ab. „Und wenn ich da unten eine Gaskammer hätte und heimlich Schwule vergasen würde, geht euch das einen feuchten Kehricht an!“ Sprüche dieser Natur waren meist das jähe Ende unserer Verhörversuche.

    Da wir keinen Gasanschluss hatten, wussten wir zumindest, dass dies nicht zutreffen konnte, auch wenn wir es ihm allesamt zugetraut hätten. Mein Vater merkte in diesem Zusammenhang im kleinen Kreis einmal an, dass unsere Stromrechnung allemal viel zu hoch sei, für die Anzahl der im Haushalt lebenden Personen. Als wir Opa darauf ansprachen antwortete er nur: „So lange ich den Strom zahle kann's euch egal sein! Selbst wenn ich ein Solarium im Keller hätte, um mir Neger zum Baumwolle pflücken zu basteln!“ Als wir ansprachen, dass es ja auch um unsere Umwelt ginge, beschimpfte er uns als „Scheiß-Hippies“ und murmelte mal wieder etwas von „Früher hätt's das nicht gegeben.“ Wir legten den Fall damit gedanklich ad acta und versuchten nicht mehr daran zu denken, was er für mögliche Abscheulichkeiten im Keller ausbrütete. Aus heimlichen Nachforschungen wussten wir zumindest, dass er im Naziregime eine führende Rolle in den Rassenexperimenten einnahm und einer der Vorreiter der heutigen Genforschung war. Wir trauten ihm somit alles zu.

    Alles bis auf eines! Und genau das vollbrachte er, Gott – oder noch besser der Teufel – weiß, wie er es geschafft hatte. Es war an einem regnerischen Samstagnachmittag. Wir saßen nichtsahnend bei Kaffee und Kuchen beisam-men, während Opa einmal mehr im Keller werkelte. Plötzlich hörten wir einen Freudenschrei aus den Grundmauern des Hauses. „Heureka!“ schrie er in einer infernalischen Lautstärke, stürmte kurz darauf ins Esszimmer und führte einen Freudentanz auf, den er gesanglich mit der ersten Strophe der Nationalhymne untermalte. Direkt danach, saß er eine Viertelstunde im Ohrensessel und hielt sich abwechselnd Knie oder Rücken. Wir alle hatten aufgehört zu kauen und warteten gespannt, was Opa nun gleich tat oder sagte. Er humpelte wieder in den Keller und wir nutzen die Zeit, um die im Mundraum flüssig gewordene Kuchenmasse hinunterzuschlucken, trauten uns aber nach wie vor nicht, zu sprechen.

    Unvermittelt stand Opa wieder im Zimmer. Er hatte seine alte Naziuniform, die er sonst nur zu besonderen Anlässen anzog, meist am 20. April, übergeworfen und einen feierlichen Ausdruck im Gesicht. „Ich möchte euch jemanden vorstellen,“ sagte er, „erhebt euch für den Führer!“ Wir starrten mit offenem Mund erst uns, dann Opa, dann wieder uns an und waren uns sicher, dass der alte Mann nun endgültig übergeschnappt war. Er wiederholte seinen Befehl diesmal etwas lauter und weniger feierlich und um seine Forderung zu unterstreichen, zog er seine Armeepistole aus dem Halfter und bedrohte uns. Dass er notfalls abdrücken würde, war uns allen klar.

    Der ein oder andere UPS-Fahrer hatte das schon gemerkt. Glücklicherweise ohne ernsthafte Schäden, was zum einen daran lag, dass die flott sind im Ducken (weil sie das von ihrem Unternehmen her gewohnt sind) und zum anderen, dass sie so schlecht bezahlt sind, dass sie stets mit verhältnismäßig wenig Schweige-geld vor einem Gang zur Polizei abgehalten werden konnten.

    So standen wir auf wie uns befohlen und Opa öffnete die Tür. Dahinter kauerte ein Mann auf allen Vieren, der auf eindrucksvolle Art wie Adolf Hitler aussah und nun begann auf wackeligen Händen und Füßen ins Zimmer zu krabbeln. Opa hob den rechten Arm zum Gruß und intonierte „Heil Hitler“. Er deutete uns an, es ihm gleich zu tun und da in seiner Linken immer noch die geladene Pistole auf uns zielte, streckten wir widerwillig den Arm nach oben und murmelten verstohlen und unwillig „Heil Hitler“.

    „Ich habe den Führer geklont“, sagte Opa stolz und wartete wohl auf Jubelschreie oder Applaus, da er eine längere Kunstpause setzte. Da aber nichts davon eintrat, sprach er weiter: „Wird Zeit, dass einer aufräumt in diesem Land, bevor alles den Bach runter geht. Er gehört ab heute zur Familie, im Prinzip ist er auch Teil der Familie, ich hab mir immer wieder mal ein paar Körperzellen von euch ausgeliehen, als ihr schlieft.“ Uns klappten synchron die Kinnladen auf, wir wollten protestieren, auch wenn es dafür schon zu spät war, aber Opa machte diesmal keinen Taktschlag Pause, sondern sprach unbeirrt weiter: „Wie dem auch sei, der Körper ist fertig, der Geist und die motorischen Fähigkeiten sind allerdings noch im Säuglingsalter, das heißt wir werden ihn wohl allesamt ein wenig aufpäppeln müssen, bevor er die Macht ergreifen kann.“ Dann begann er die Aufgaben zu verteilen. Meine Schwester und meine Mutter wurden für Wickeln und Baden abgestellt, mein Vater sollte ihm gutes Deutsch beibringen, die Kinder meiner Schwester, sechs und acht Jahre alt, sollten gelegentlich mit ihm spielen. Er selbst würde ihm Rhetorik, Disziplin und Misanthropie beibringen.

    Dann sah er mich eindringlich an: „Und du“, begann er im Befehlston, „hältst dich von ihm fern!“ Als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer und freischaffender Künstler war ich nach Großvaters Meinung das schwarze Schaf der Familie. Er hatte wohl Angst, dass ich einen – in seinen Augen – negativen Einfluss haben könnte. Ebenfalls machte ihm Sorgen, dass ich noch nicht verheiratet war und zuddem missfiel ihm mein Freundeskreis, in dem sich – Achtung Zitat: „nur Huren, Alkoholiker, Taugenichtse, Drogensüchtige und Schwule“ befänden. Gut, das mit meinen Freunden stimmte sogar, aber so ist das eben in Künstlerkreisen.

    Wir konnten uns einmal mehr nicht durchsetzen gegen den Tyrann, damit meine ich nicht den Führer, der war ja noch ein Baby, sondern den größten Despoten, den diese Erde je gesehen hat, unseren Opa. Klein-Adi, wie wir ihn liebevoll nannten, entwickelte sich indes sehr schnell und wir gewannen ihn irgendwie auch lieb. Das Kindchenschema wirkte trotz seines Schnauzbarts. Er konnte aber auch einfach zu lieb gucken mit seinen Kulleraugen. Es war natürlich nicht immer leicht mit ihm. Das genetische Programm und Opas „Erziehung“ sorgten dafür, dass wir ihn nach zwei Wochen auf dem Boden sitzend beim Bücher anzünden erwischten. Fünf Tage darauf begann er zu laufen und nur einen Tag danach konnte er schon marschieren. Wie jeder kleine Junge machte auch Adi Streiche. Er warf Fensterscheiben ein, wenn auch sehr zielgerichtet nur Fensterscheiben von Synagogen. Er sammelte Luftballons, die mit Gas gefüllt waren und lagerte sie in seinem Zimmer. Gelegentlich verkleidete er sich als Pole und fing in Bierzelten Schlägereien an. Er lernte sehr schnell bis 1.000 zu zählen und konnte Deutschland maßstabsgetreu aus dem Gedächtnis zeichnen. Wenn auch nur in den Grenzen von 1939.

    Überhaupt war Zeichnen seine große Leidenschaft. Er malte heimlich Landschaften und Mickey Maus Figuren, versteckte sie aber immer, da Großvater, wie schon erwähnt, kein Freund der Künste war. Eine Tages erwischte ihn Opa, als er gerade eine schöne Berglandschaft mit einer lachenden Sonne malte. Der alte Herr flippte aus und schimpfte wüst mit Adolf, was ihm einfiele, er solle doch seine Hausaufgaben machen und einen Aufsatz mit dem Titel „Mein Kampf“ schreiben. Daraufhin zerriss er die Bilder und zerbrach die Stifte. Die Worte: „Wenn du noch einmal so einen Schund malst, gibt’s was auf die Ohren!“ schallten laut und deutlich durchs Haus. Adolf rannte in sein Zimmer und weinte stundenlang. Um 5:45 in derselben Nacht schlich er sich aus dem Haus und war verschwunden.

    Wir waren alle sehr gespannt, wie lange es dauern würde, bis er irgendwo auffiel und sein Bild durch die Medien ging, aber nichts geschah. Opas Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends, sein Lebenswerk oder wie er sagte: „68 Jahre Arbeit“ hatten sich verflüchtigt. Nach einigen Wochen fanden wir plötzlich einen Brief im Postkasten vor. Er kam von Adi. Er schrieb, dass er in Wien an der Kunstakademie aufgenommen worden sei und hatte auch ein paar Fotos von sich und seinen neuesten Werken beigelegt. Uns überraschten nicht so sehr die Fotos seiner Gemälde, sondern eher die Abzüge, die ihn zeigten. Er hatte sich den Schnauzer abrasiert, trug blondierte und modisch gestylte Haare und war auf einem Bild Arm in Arm mit einem jungen Mann abgebildet. Laut den Zeilen des Briefes handelte es sich um Guido, einen Museumspädagogen, den er offiziell als seinen Lebensgefährten vorstellte.

    „Nein!“ schrie Großvater auf. „Geschichte ist nicht veränderbar! Das muss alles anders laufen.“ Dabei fasste er sich ans Herz und sackte zusammen. Ich ging in die Hocke und hielt meinem Großvater die Hand.

    „Nein Opa“, begann ich, „das ist der richtige Lauf. Damals ist etwas schief gegangen. Damals. Wenn man den Menschen freie Entfaltungsmöglichkeiten bietet, Kunst nicht mit Sachverstand bewertet und schlecht redet und jedes Individuum bei seinen Träumen und Wünschen unterstützt, statt es in Konformitätsförmchen ideologischer Pseudowertvorstellungen zu pressen, dann läuft die Geschichte immer gut. Tyrannen, Hass und Krieg werden immer nur durch Einschränkungen körperlicher und geistiger Freiheiten zur Bedrohung.“ „Aber..., aber...“ setzt der Sterbende an, doch er konnte meinen bedeutungsschwangeren Worten nichts mehr entgegensetzen und tat seinen letzten Atemzug.

    Zu richtiger Trauer war meine Familie nicht fähig, zu viel hatten wir mit Opa mitgemacht. Trotzdem hinterließ er eine gewisse Lehre im Haus. Leider nur im Haus, denn verkappte Nazis gibt es auf der Welt noch zuhauf. Oft sind sie angesehene Männer mit auffälligen Anzügen und mit wichtigen Ämtern bekleidet. Sie schreiben Bestseller und nehmen sogar Friedensnobelpreise in Empfang. Das ändert nichts an ihren Absichten, die Menschheit zu spalten. In Schwarz und Weiß, in Christen und Muslime, in Männer und Frauen, in Arm und Reich. Wer es schafft, die Menschen in kleine Gruppen zu spalten, die sich gegenseitig misstrauen, der kann Macht über sie ausüben. Hitler hat das gewusst. Und es ist auch heute kein Geheimnis. Und trotzdem fallen wir allzu häufig darauf rein…

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    Apropos Hitler. Der hat sich ein Pseudonym zugelegt und der Landschaftsmalerei abgeschworen. Er gehört mittlerweile weltweit zu den Lieblingen der abstrakten Malerei und ist in den angesagten Galerien von New York bis Paris vertreten. Ab und zu schreibt er noch einen Brief und lädt uns immer wieder zu einer Vernissage ein. Ich denke wir werden bald einmal hinschauen. Man soll ja immer aufgeschlossen bleiben für Neues…

  • Der perfekte Slam Text

    Kurz: Buch ist da :-), Frühling auch :-) und es gibt ein Frühwerk (2003 oder so) aus meiner Sammer-Zeit. Viel Spaß damit, bis nächsten Montag oder im Lauf der Woche auf einer Veranstaltung. Termine z.B.. hier: www.facebook.com/jakobmichl

    Der perfekte Slam Text

    Erstens versuch in Reimform zu sprechen
    Die Worte zu drehen, zu biegen zu brechen
    Weil das von deiner Sprachkompetenz zeugt
    Und alle Wortkombienierfans erfreut

    Zweitens du muss Wortkreationen erschaffen
    Weil durch altbekanntes die Hirne erschlaffen
    Musst Rezeptorenhärchen mit Silben erschüttern
    Damit Gehörgangstaubmilben vor Ehrfurcht erzittern

    Zum dritten ist es wirklich gut
    Du pfeifst auf Textblatt und hast den Mut
    Deine Geschichte frei vorzutragen
    Denn kein Blatt Papier sondern du hast was zu sagen

    Viertens noch besser du vergisst dein ganzes Skript
    Und freestylst am Mic deinen ganzen Shit
    Machst einen auf coolen spontanen Rap-MC
    Und du siehst du Posse geht ab wie noch nie

    Fünftens ist's vom Vorteil ne Frau zu sein
    Weil Fraun beim Bewerten eher für Frauen schrein
    Die Männer kann man ganz gut mit Titten ablenken
    Weil sie dennen mehr als dem Text Beachtung schenken.

    Und damit wärn wir auch schon bei Punkt sechs
    Vergiss den Humor nicht, streu ein paar Gags
    Witz kommt sprachlich von Wissen jetzt weißt du Bescheid
    Sortg für den richtigen Lacher zur richtigen Zeit

    Siebtens vergiss bitte die Liebe nicht
    Ein bisschen Herzschmerz ein bedrübtes Gesicht
    Wirkt bei Romantikern wahre Wunder
    Und gibt deiner Story den richtigen Zunder

    Damit wärn wir auch schon bei Punkt acht
    Und den lass keinesfalls außer Acht
    Versuch von Sex mit Tieren oder ähnlichem zu sprechen
    Denn du musst mindestens ein Tabu brechen

    Punkt neun ist sehr ähnlich und ist ziemlich klar
    Verwende obszönes Vokabular
    Doch nicht Ficken, Fisten, Fotzenschleim
    Es sollte schon härter und derber sein

    Zu guter Letzt folgt nun Punkt zehn
    Befolgst du den, wirst du bald sehn
    Vergiss Punkt eins bis neun, denn irgendwie
    Lebt durch Vielfalt erst die Slam-Poesie!

  • Das Haustier - Eine Elefantasiegeschichte

    Schande über mich! Asche auf mein Haupt! Mea Culpa! Letzte Woche habe ich es gar nicht geschafft, diese Woche bin ich schon wieder einen Tag zu spät dran. Aber in der Zentrale der mittelfränkischen Poetry Slam Kultur geht es zu wie verrückt. Schulworkshops, zwei neue Spielorte, Terminplanungen September 2013 bis Mai 2014, Task-forces, Vereinssitzungen, Drucklegung meines neuen Buches und ein paar Fehler anderer, die ich ausbaden durfte damit der Laden läuft, das war meine Beschäftigung der letzten Tage. Aber dafür gibt es heute eine brandneue Geschichte, ungelesen, unveröffentlicht und in einem komplett anderem Stil als alles was ich bisher geschrieben habe! Und: Extra-Länge! Viel Spaß!

    Das Haustier – oder: Eine Elefantasiegeschichte

    Ich gebe zu, die Idee mit dem Elefanten als Haustier war idiotisch. Aber es war eine Lücke im Mietvertrag. Es hieß lediglich „keine Hunde, Katzen oder Aquarien“. Und mal ehrlich: Hamster sind Scheiße! Man muss ständig den Käfig ausputzen, man tritt dauernd aus Versehen drauf, muss sich dann neue kaufen und zu allem Überfluss auch noch den Schmodder samt heraushängender Gedärme aufwischen.

    Aber Elefanten sind cool! Da kann man nicht versehentlich drauf treten, außerdem brauchen sie keinen großen Auslauf wie ein Hund und man kann im Falle eines atomaren Unfalls oder Krieges sich ganz lange von ihnen ernähren. Ich hatte ein bisschen Probleme einen aufzutreiben, aber ich habe es geschafft! Ich musste nur einen Scheich finden, der gegen eine hübsche Frau tauscht. Das mit der hübschen Frau war ganz einfach, die wollen ja alle Frau eines Scheichs werden. Gab nur ein bisschen Ärger, als sie herausbekam, dass ich sie gegen Elefanten eingetauscht hatte. Sie sah auch ein bisschen traurig aus, als sie mich durch die Gitter ihres Fensters verfluchte, aber nach hundert Metern habe ich sie kaum noch gehört.

    Die 10 Elefanten waren ja auch ziemlich laut beim Trampeln, obwohl sie noch sehr klein waren. Neun davon musste ich leider an einer Tankstelle aussetzen. Das ist zwar nicht die feine Art, aber ich wollte ja nur einen, was kann ich für den Wechselkurs 1:10 für Frau gegen Elefanten? Das schlechte Gewissen betäubte ich, indem ich dem übrig gebliebenen Elefanten den Namen „Zehn“ gab. Ich war fast am Ziel, ich musste ihn nur noch nach Deutschland bringen.

    Beim Zoll dachte ich mir: Frech siegt. Als mich die Beamten gefragt haben, was ich denn unter meinen Klamotten schmuggeln würde, habe ich gesagt: „Einen Elefanten!“ Dann habe ich den Rüssel aus meinem Hosenschlitz gezogen und die Ohren aus meinen Hosentaschen, wir haben alle gelacht wie blöde und ich wurde durchgewunken.

    „Ganz schön großer Penis,“ hörte ich einen der Zollbeamten noch zu seinen Kollegen flüstern und Tatsache! Ich hatte versehentlich meinen Penis erwischt, statt den Elefantenrüssel! Man war mir das peinlich, dass mein Ding zwischen den Knien herumbaumelte!

    Zu Hause musste ich den Grauhäuter nur noch an Frau Schlötterer vorbei bekommen. Sie wohnt im Parterre und ist aufgrund eines Geburtsfehlers mit dem Türspion verwachsen. Aber ich habe einen super Trick entwickelt: Man muss nur ein paar Böller auf ihrem Fensterbrett anzünden, dann verlässt sie ihre Position, um nachzusehen, woher der Lärm kommt.

    Leider hatte ich keine Böller, deswegen zündete ich ein paar Autos an und auch das funktionierte! Frau Schlötterer hob die Tür aus den Angeln und trug sie vor sich her, um aus dem Fenster sehen zu können, ich schlich derweil nach oben. Ich musste dreimal gehen, weil der Elefant auf einmal zu schwer war. Aber dann hatte ich ihn in der Wohnung.

    Wir verstanden uns super! Ich hab ihn mit Mäusen geärgert und mit Erdnüssen versöhnt, er hat immer Abschiedsbriefe geschrieben, damit ich dachte er sei weggelaufen, dabei hat er sich nur hinterm Schirmständer versteckt. Ein Spaßvogel! Leider blieb er nicht so klein und süß, sondern wuchs auf beachtliche 2 Tonnen an und genau so viel schiss er auch im Monat, weswegen unsere Biotonne immer zwei Tage nach der Leerung voll war!

    Auch sein Hobby, Stepptanz, sorgte für einigen Unmut in der Wohnanlage, da er es natürlich traditionell mit Stahlsohlen an den Schuhen ausübte. Ich hätte ihm ja gesagt er solle es barhufig machen, aber diese Stepptanzschuhe waren einfach zu teuer gewesen, um sie ungenutzt zu lassen.

    Gestern wurden wir nun zwangsgeräumt, weil ich aufgrund des teuren Futters die Miete nicht mehr zahlen konnte. Da der Elefant nicht mehr durch die Tür passte, musste ein extra Ausgang durch die Wand gefräst werden. Aufgrund des langen Aufenthalts in der Wohnung war er das Treppensteigen nicht mehr gewohnt und zu schwer für den Treppenlift. So musste man ihn mittels eines Schwertransporters, der von der Autobahnpolizei eskortiert wurde, die zwei Stockwerke nach unten fahren.

    Dummerweise blieb der Transporter im Eingangsbereich bei einem Rangiermanöver an der Tür von Frau Schlötterer hängen, genauer gesagt durchstieß er die Tür direkt am Guckloch, was durch die Verwachsung Frau Schlötteres mit eben diesem zu einem überraschenden Ableben eben jener führte. Sie war quasi mit einem Schlag weg vom Fenster.

    Ich wurde zu einer beachtlichen Strafzahlung samt Gefängnisstrafe wegen Tierquälerei, Störung des Hausfriedens, Sachbeschädigung und Menschenhandels verurteilt. Nach zwei Jahren wurde ich wegen guter Führung auf Bewährung entlassen und zu Sozialstunden im Tiergarten Nürnberg verdonnert. Dort traf ich Zehn wieder! Gestern hat er mir aus Spaß einen Abschiedsbrief geschrieben und sich hinter einem Flamingo versteckt. Da hab ich ihn auch geärgert und meinen Penis aus dem Hosenschlitz geholt und gesagt: „Ich hab deinen Rüssel, komm, hol dir deinen Rüssel!“

    Just in diesem Moment kamen der Zoodirektor und mein Bewährungshelfer vorbei. Ich musste Zehn den Rüssel zurückgeben und wurde in die Schlangenabteilung versetzt. Muss jetzt Schlangen füttern. Passt aber ganz gut, denn Hamster fand ich ja schon immer scheiße!

  • Die Eiche und der Tannenbaum

    Heute gibt es eine Kindergeschichte, entstanden für die einen Auftritt in einer Jungendbibliothek vor ca. 2 Jahren im Raum München im Rahmen der Abschlussveranstaltung eines Ferienleseprogramms. Zusammen mit Martin Geier geschrieben und genau einmal aufgeführt. Hatte ich schon fast vergessen ;-) Nicht vergessen: Heute Abend spiele ich mein Programm "Sprachgewalt ist keine Lösung" im Café Klatsch Ansbach ab 20 Uhr!

    Die Eiche und der Tannenbaum

    Es war einmal ein Tannenbäumchen, kaum zwei Jahre alt
    Das stand in alter Tradition in einem dichten Wald
    Um es herum nur große Bäume, die warfen dunkle Schatten
    und untenrum ums Stämmchen, da trollten sich die Ratten.

    Und so kam es, dass es oft Angst hatte, denn es gab niemanden in seinem Alter, mit dem es hätte reden können und so stand es da, nahe dem Waldboden und wuchs und gedieh, spürte Sonnenstrahlen und Regentropfen, sah Nacht und Tag und erlebte Frühling, Sommer, Herbst und Winter und Frühling, Sommer... und just im zweiten Herbst, kurz bevor der Frost den Waldboden erstarren lassen sollte, kam ein sanft-braun schimmerndes Wesen vorbei, ein Eichhörnchen, und vergrub zu seinen Füßen eine Eichelfrucht, auf dass es Futter für den Winter hatte.

    Das Tannenbäumchen freute sich, dass es als Markierung dienen durfte und es freute sich auch, dass das Eichhörnchen wieder kommen und mit seinem dichten Schweif sein Stämmchen kitzeln würde beim Graben.

    Dann begann das Laub zu fallen, die Nächte wurden kalt
    Und bald schon war des Waldes Trubel in Waldes Ruh' verhallt
    Der Winter kam - es fielen Schneeflocken still hernieder.
    Das Eichhörnchen so sehr erwartet, es kam niemals wieder

    Ruhig und windstill war es unter dem stets gleichen Weiß der geschlossenen Schneedecke, die unser Tannenbäumchen komplett umschlossen hatte. Stillstand – grenzenlose Langeweile mit Traurigkeit angefüllt. Weiter unten lag die vergessene Eichel, auch sie war umschlossen von der Kälte des gefrorenen Erdreichs und verbrachte Tag um Tag, Monat um Monat in vollkommener Dunkelheit

    Doch dann: Sonnenstrahl um Sonnenstrahl kam die Wärme wieder, einzelne Punkte im Schnee schimmerten, glänzten – begannen zu verlaufen. Versickerten als Wasser in den langsam auftauenden Boden. Die sich immer weiter ausbreitenden Lücken gaben bald schon den Blick auf die Rinde des Tannenbaums frei. Größer wurden sie und vereinten sich zu Flächen die den immer dünner werdenden Schneemantel zerflatterten und schließlich ganz verschwinden ließen. Weiter unten: begann sich auch im Inneren der Eichel etwas zu regen...

    Es ruppelte und rappelte tief drinnen in der Schale
    Der Keim im Innern reckte sich und machte laut Randale
    Da barst die Schale derb entzwei, der Keim grub sich nach oben
    und hat durch Erdreich, Laub und Moos sich zielstrebig geschoben.

    So ward eine Eiche geboren, die sich nun neben unserem Tannenbäumchen stetig empor streckte. Dieses war nun nicht mehr alleine, und ebenso wie unsere beiden Bäume wuchsen, so wuchs auch die Freundschaft zwischen ihnen. Bei Wind und Wetter, bei Tag und Nacht – bei jeder Jahreszeit – hielten die beiden zusammen wie Pech und Schwefel. Sich gegenseitig schützend im Tosen aufziehendener Stürme, gemeinsam mit Ästen knarzend, um von zarten Trieben naschen wollende Rehe zu vertreiben und immer ein offenes Ohr für die Problem des jeweils anderen habend – das waren die Kennzeichen ihres Zusammenhaltes.

    Und Jahresring um Jahresring ging so die Zeit ins Land
    Mit ihr wuchs auch der beiden Freundschaft zartes Band
    Sie trotzten baumhaft stark, allen Beschwerlichkeiten
    und wogen sich im Takt des Windes auch in guten Zeiten

    Doch eines trockenen Sommertages, geschah etwas unerwartetes. Vom wolkenlosen Himmel prallte seit Wochen die sengende Glut der Sonne hernieder. Der Boden zeigte bereits spröde Risse aufgrund wochenlanger Bestrahlung ohne Abkühlung durch Regenfälle. Unsere beiden Bäume ließen ihre Äste hinunter hängen und das Grün ihrer Blätter und Nadeln war schon ganz blass und hatte jede Frische verloren. Als sich plötzlich eine ungeahnte Bedrohung näherte...

    Ganz unüblich für die starke Hitze der Mittagsstunden, waren auch die Waldbewohner an diesem besonderen Tag sehr aktiv. Ob Wildschwein oder Bär, ob Rehkitz oder Wolf, ob Eule oder Nachtfalke – alles kam an der Tanne und der Eiche vorbei gehuscht oder geflogen – und noch seltsamer war, dass alle in die gleiche Richtung davon stoben. Hinfort zum Ende des Waldes im Norden bei den Hügeln trieb es sie alle.

    Unsere beiden Bäume bekamen es mit der Angst zu tun, und plötzlich sahen sie von Weitem Rauch aufsteigen und der Himmel verdunkelte sich, der Wind blies ihnen den Geruch brennenden Holzes in die Poren und eine leichte Rußschicht legte sich auf ihre Äste. „Ein Waldbrand!“ schrie der Tannenbaum, oft hatte er – als er noch alleine war - die alten Bäume von diesem Schauermärchen flüstern hören. Nun wussten die beiden, dass es kein Märchen war, sondern Wirklichkeit...

    Und bald schon loderte das Feuer
    Guter Rat war nun sehr teuer
    Vor Angst begannen sie zu flennen
    Und versuchten wegzurennen

    Sie hatten es noch nie probiert und hofften, dass es vielleicht funktionieren würde, auch wenn man sagte, dass Bäume nicht laufen können. Sie zogen an ihren Wurzeln mit voller Kraft, erst auf der linken Seite, dann auf der rechten Seite, und dann wieder auf der linken Seite, doch schafften es keinen Zentimeter weit. Sie zogen und zerrten und hätte die beiden jemand gesehen, so hätte er denken können sie zitterten und bibberten ob der drohenden Gefahr.

    Es wurde heiß und heißer, die Flammen kamen nah und näher, die Luft wurde rauchig und rauchiger. So streckten sie ihre Äste einander entgegen um Halt und Geborgenheit zu finden und schafften es mit letzter Anstrengung sich zu berühren. Das erste Mal überhaupt standen sie – bei Menschen würde man sagen Hand in Hand – sich berührend nebeneinander und es sollte wohl auch das letzte Mal sein...

    Und als die Flammen so nah waren, dass ihre Astspitzen zu kokeln begannen und sich Laub und Nadeln in der Hitze knisternd krümmten, nahmen sie mit Tränen in den Augen voneinander Abschied. "Leb Wohl Tannenbaum", sagte die Eiche. "Leb wohl Eiche", sagte der Tannenbaum und just als sie sich ihrem Schicksal ergeben hatten, fiel ein Tropfen Wasser auf eines der Eichblätter. Zischend verdunstete "pffff" er und blieb unbemerkt. Ein zweiter Tropfen, "pffff", ein dritter "pffff" und immer mehr "pffff pffff pffff" und so viele mehr, dass sie irgendwann nicht mehr verdunsteten, sondern ihre flüssige Form behielten

    Es waren kleine Wölkchen ganz still und unbemerkt
    im Rauchesdunst heraufgezogen und hatten sich verstärkt
    zu großen dunklen Regenwolken, die sich nun entleerten
    auf des Waldbrands Flammen, welche sich sehr wehrten.

    Zischend und Dampfend kämpften die Naturgewalten Feuer und Wasser gegeneinander und unsere beiden Bäume standen direkt an der Front. Sie spürten wie der Regen ihnen eiskalt die Rinde hinunter lief und waren glücklich über diese Abkühlung. Nicht so glücklich waren die Flammen von dieser Wendung, sie wollten sich weiter durchs Holz fressen und bäumten sich mit voller Kraft auf, sie züngelten und loderten, doch am Ende behielt der Regen die Oberhand und das Feuer erlosch...

    Die beiden Bäume waren gerettet und auch der Rest des Waldes. Und langsam kehrte das Leben wieder zurück, Wildschweine und Bären, Rehkitze und Wölfe, auch die Eulen und Nachtfalken tippelten oder flogen wieder in die Tiefe des Waldes. Gras wuchs auf dem verbrannten Boden, neue Sträucher entstanden, Blumen blühten und junge Bäume wuchsen auf.

    Und Jahresring um Jahresring ging so die Zeit ins Land
    Manch Laub verwelkte jedoch nicht der beiden Freundschaft Band
    Sie trotzten baumhaft stark, Problemen klein und groß
    Egal was auch geschah, nie wieder, ließen sie sich los.

    Und so standen sie weiterhin nebeneinander im Wald – bei Menschen würde man sagen Hand in Hand – und wurden alt und älter. Und wenn ihr nächstes Mal im Wald eine Eiche und einen Tannenbaum seht, deren Äste sich fest umschließen, dann könnte es sein, dass es sich um die beiden Bäume aus unserer Geschichte handelt...

  • Großstadtdschungel

    ICH HATTE STRESS, OKAY!?!? Nur falls jemand fragt, warum ich einen Tag zu spät dran bin :D Wir hatten gestern die "Kunst gegen Bares"-Premiere und um 14 Uhr erfahren, dass der Laden einen Betreiberwechsel zum 1. März hatte, aber weder die neuen was wussten, noch wir etwas von der Vor-Pächtern gehört hätten. Prinzipiell kein Ding, aber es war keine Veranstaltungstechnik im Saal wie ausgemacht. Um 20:15 ging die Show aber los (mit Technik) und war für's erste Mal echt gut! Hat aber natürlich noch Steigerungspotenzial! Ob's klappt sieht man am 6.5. in der ZABO LINDE Nürnberg. Zum Montagstext (Dienstag, ich weiß): Ich wollte ursprünglich ein Gedicht über's Heiraten online setzen, habe mich aber im Wühlen für folgendes Entschieden, ich bezeichne es mal als Fragment:

    Großstadtdschungel

    Wir leiden und treiben quallengleich durch das dickicht des großstadtdschungels, die affen schreien von den dächern und den werbeplakaten, die rußschicht, an den hauswänden, die flechten der moderne, kaugummibefleckte wege, das moos des stadtbodens, die könige des dschungels tragen ein fell aus ed hardy und suchen noch gazellen zum reißen, zum aufreißen, darum reißen sie auch ihre mäuler soweit auf, auch wenn nichts herauskommt, außer schlechter atem von gammelfleischdönern und starbuckskaffee.

    Wir schwingen uns von liane zu liane zu ariane zu susanne, um unser erbgut in lümmeltüten schlechter one night stands zu verlieren. und es kotzt uns an und wir kotzen uns aus, alles kotzt uns an und wir kotzen es aus, doch es kommt nur noch galle raus, weil uns die grundlage fehlt, jegliche grundlage entbehrt sich, alles einreißen müsste man, so wie die mauer, das war ja ein schöner anfang, aber dann hat wieder keiner weitergemacht, hier stehn so viele mauern, mit allen mauern der stadt aneinandergereiht könnte man den äquator achtmal ummauern in der dicke der chinesischen mauer.

    Wir zucken durch nachtclubs angesagter stadtviertel, zu musik, von der nicht mehr viel übrig geblieben ist, schmeißen tabletten und noch ne runde und zucken weiter, bis die sonne durch die dunkelheit bricht. wir ficken auf toiletten um uns von vornherein zu sagen, wie scheiße wir uns finden. dabei sind wir gar nicht scheiße, wir tragen doch alle fairtrade-felle, kaufen bio-veggie-tofu-soja und fahren fahrrad oder ubahn. ubahn, die schlange des großstadtdschungels, sie frisst die menschen macht station an der nächsten station und frisst menschen und kotzt sie wieder aus, sie schlängelt sich durch den untergrund und in ihrem bauch ist jeder ein opfer. ein opfer des lärms, der enge, des gedränges, des gestanks, des schmarotzens, des kontrolleurs oder einfach nur ein opfer seiner selbst.

    Wieder ausgespieen in shopping center mit shopping malls laufen wir lemmingen gleich ins verderben. sie haben fallen aufgestellt, h&m, c&a, media markt, new yorker, douglas. die klonkrieger sind da, sie haben uns klonshoppingcenter mitgebracht, wie eineiige hundertlinge haben sie sich petinagleich über das land gelegt und sind nicht mehr wegzukriegen. nnd du tappst in die falle, denn du bist ja nicht blöd sondern tier, hier darfst du sein. anders aussehen, anders riechen, eben so wie die anderen, um klone zu werden in den klonshopping centern. chamäleongleich passen wir uns der umgebung an, dem dschungel, dem termitenhaufen, jeder wuselt vor sich hin und doch hat alles einen höheren sinn, bezogen auf die gesetze des konsumplans. noch ein kaffee to go und einen dunkin' donut, dabei klingt das schon fast nach "do not", aber wir wollen ja nicht hören und so essen wir das klebrige zeug, von dem das, was vielleicht einmal geschmeckt haben könnte, ausgestanzt wurde.

    Am ende des tages und vor beginn der nacht klettern wir in den fünften stock unserer betonbäume und sitzen auf unserem ast in der krone. hier haben wir überblick und empfang ist ja alles: flatrate und der funkmast steht auf dem dach des nachbarn. in unserer homezone und punica-oase, ist alles global, die klamotten aus bangladesch, die brause aus den staaten und die wohnung aus schweden, nur das marmeladenglas von mama aus der heimat setzt schon schimmel an. wohnen wir noch oder sind wir schon tot, nur wissen es nicht, weil wir als zombies über die laminatsteppe schlendern. die armee der finsternis erwacht bald wieder, wenn der mond aufgegangen ist und die lockrufe erklingen. vernissage eins guten freundes oder konzert eines guten freundes oder deutsch-türkisches kurzfilmfestival, das ein freund organisert. alle machen etwas mit kunst hier. so viel kunst, wir verstehen gar nicht, wie wir uns bei so viel kunst noch so häßlich fühlen können

    im korridor haben wir das world trade center wieder aufgebaut, aus flyerstapeln, mit den lockrufen zu all der kunst und den events und den happenings. keiner macht mehr eine party, nur noch events und flashmobs. wir lassen wasser an uns herunterprasseln in unserer bad-küche, machen uns frisch für lange nächte und kurze bakanntschaften, schnell noch online mit der flat um abzuchecken, was man sonst verpassen könnte. auf facebook will die ganze stadt dein freund sein, wir adden, könnte ja sein, dass man schon mit der betreffenden person geschlafen hat.

    Der großstadtdschungel ist so voller leben, dass man sich tot fühlen muss, bei so viel leben. da bleibt keine erde mehr übrig, nur verbrannte. staub zu staub und sandkorn reiht sich an sandkorn reiht sich an sandkorn reiht sich an sandkorn. im spiegelnden neonlicht lockt die fata morghana dich in die irre, du merkst nicht dass wüste herrscht und dich verdorrt bei all dem leben und der hektik und dem rausch. zum innehalten bleibt keine zeit, die adler kreisen schon und warten auf das aas, das bald liegen bleibt. noch kriechst du, den hoffnungsschimmer in der hosentasche tragend, aber wo ist das sprudelnde quell, das noch nicht verseucht ist? jetzt lachen die geier, sie haben ein gespür für einen schlechten witz und für eine baldige mahlzeit.

  • No Tomorrow

    Heute wird der Ansbacher Poetry Slam 10 Jahre alt! Und mein neuestes Buch 1 Jahr. Totz Feierlaune ein neuer Text. Nach den Lyrik-Eskapaden der eltzten Wochen wieder einmal Prosa. Ein Text, den ich mal bei einem Schreibwettbewerb eingereicht habe, Vorgabe war das Wort Friedrich zu verwenden und nicht mehr als 500 Worte zu verwenden. Nach 1 Stunde schreiben und 3 Stunden kürzen habe ich 499 Worte geschafft, aber leider keinen Preis gewonnen. Trotzdem, hier ist sie:

    No Tomorrow

    Es war einer dieser Abende, die gemütlich in einer Kneipe begannen. Ich war mit drei Kumpels unterwegs und irgendwann wedelte Horst mit dem Flyer eines Clubs, der mit „Neueröffnung“ und „Feiern ohne Morgen“ warb.

    So landeten wir im „No Tomorrow“, wo ich mich schnell langweilte, da ich als Fahrer auserkoren worden war. Die Kreideschrift auf den Getränketafeln verkündete: „Friedrich – 1 Euro“. Was für ein bescheuerter Name für einen Drink, dachte ich, aber hier zählte wohl der Preis. Wolf und Stefan versuchten gerade mich auf die Tanzfläche zu zerren, als Horst mit vier Gläsern ankam. Da ich seit der Bekanntschaft mit einem Straßengraben auf 0,0 Promille am Steuer schwöre, kippte sich Horst zwei Becher des orangefarbenen Getränks hinter die Binde.

    „Geil“, war der kollektive Ausruf des Trios und Stefan machte sich auf, die nächste Runde zu holen. Ich ließ meine Blicke durch den Club schweifen, um festzustellen, dass inzwischen kein einziger Gast mehr ohne einen Becher Friedrich war. Selbst auf der Tanzfläche umschlossen Finger die Gläser, während Körper zu den Beats des DJs zuckten. Jener schien das Zeug hinter seinem Pult literweise zu vertilgen. Er war auch die erste Person, bei der mir eine Veränderung auffiel. Er begann – und das mag schier unglaublich klingen – unsichtbar zu werden.

    „Probier doch auch einen“, Horst hielt mir erneut ein Glas entgegen, „das ist als säufst du dir einen Orgasmus an und mit jedem Schluck kommst du dem Höhepunkt näher!“ Er wedelte mit dem Drink, dabei sah ich, wie die orangefarbene Flüssigkeit durch seine Finger schimmerte.

    „Horst, du wirst unsichtbar“, stammelte ich. Er starrte mich verstört an, dann seine Finger und lachte. „Fast wäre ich darauf reingefallen, du bist lustig, tja, dein Pech!“ Er trank beide Becher aus. „Ahhh, geil“, stöhnte er, im nächsten Moment löste er sich restlos auf. Ich wollte Wolf und Stefan suchen, aber auch diese waren verschwunden, insgesamt wirkte der Club auf einmal erschreckend leer. Die Barkeeper schienen mich anzustarren. Zwei von ihnen kamen hinter der Theke hervor, bewaffnet mit einem Tablett voller Friedrichs und bauten sich vor mir auf...

    Die Musik hörte auf zu spielen, weil das Lied zu Ende war und kein DJ mehr vorhanden, der eine neue Platte auflegen konnte. „Komm ins endlose Glück“, sagten sie im Chor und hielten mir ein Glas an die Lippen. Ich nahm Reißaus und rannte die Stufen hoch, die ins Freie führten. Die beiden verfolgten mich bis zur Schwelle des Clubs, von dort riefen sie mir Worte nach, die bis heute in meinen Ohren nachhallen: „Du hattest deine Chance!“ Sie drückten einen Knopf, die Tür schloss sich und der gesamte Club begann sich aufzulösen.

    Das alles ereignete sich vor zwei Jahren. Als ich am nächsten Tag nach unruhigem Schlaf erwachte, erfuhr ich, dass ein Diskobrand im frisch eröffneten „No Tomorrow“ 184 Menschen getötet hatte. Die Leichen waren so verschmort, dass sie nie identifiziert wurden. Ich weiß bis heute nicht, welche Geschichte ich mehr glauben soll, aber manchmal frage ich mich, wo ich heute wäre, wenn ich damals mitgetrunken hätte...

  • Das Schneckenrennen

    Es ist nicht mehr Montag, aber ich fühle mich so, deshalb gibt es den Montagstext einmal mehr mit einem Tag Verspätung, ich habe vor lauter Arbeit gestern einfach nicht dran gedacht. Dabei habe ich sogar extra einen Text geschrieben, bloß nicht mehr ans Veröffentlichen gedacht. Also: Brandfrisch, gerade einmal 24 Stunden alt, mit etwas holpriger Metrik, aber wie ich finde ganz nett geworden, so als Zwischenergebnis. Ein Tiergedicht:

    Das Schneckenrennen

    Der Startschuss fiel vor zwanzig Stunden
    Da begann der Wettlauf der Schnecken
    Es gilt die Distanz über zwei Runden
    Die sich auf je einen Meter erstrecken

    Der Igel ward Schiri, der Fuchs kommentierte
    Der Hase war da von der Presse
    Alle waren gespannt, voller Begierde
    Man zählte mehr Gäste als sonst in der Messe

    Die Wölfe sie jaulten, es fiepten die Mäuse
    Es schallte Gesang von Fink und Meise
    Von den Gräsern grölten gar die Läuse
    Was man nicht hörte, denn Läuse grölen sehr leise

    Doch fast ’nen Tag später: Mehr Schläfer als Krieger
    Nur noch einzelnes Blöken von Schafen
    Es beschleicht das Gefühl: hier find’t sich kein Sieger
    Der Kommentator ist längst eingeschlafen

    Das Teilnehmerfeld wirkt stark dezimiert
    Von zwanzig haben acht sich verkrochen
    Drei machen Pause im Hause ganz ungeniert
    Fünf haben abseits der Strecke Essen gerochen

    Der Schiri hat auch etwas Hunger bekommen
    Und zwei von den Schnecken verspeist
    Es hat ihm niemand krumm genommen
    Auch wenn die Strecke nun beinah’ verwaist

    Zwei tapfere Kriecher, gar muntere Recken
    Schleimen unaufhaltsam weiter nach vorn
    Nichts kann diese mutigen Schnecken erschrecken
    Der Ruhm des Sieges ist ihnen Ansporn!

    Sie haben auch fast Runde eins schon gemeistert
    Vom Grashalm da fällt eine Laus
    Endlich geschieht was! Die Audienz ist begeistert
    Und spendet frenetisch Applaus

    Noch ’nen Tag später kurz vor dem Ziel
    Kopf an Kopf die Kontrahenten
    Den meisten war es längst zu viel
    Nur noch vereinzelte Schau-Konsumenten

    Da plötzlich erhebt sich ein riesiger Schatten
    Eines Joggers, der kommt des Weges entlang
    Es verkriecht sich der Maulwurf es fliehen die Ratten
    Den Schnecken wird Angst und bang

    Und Tatsache: Der Jogger schnellen Schrittes
    Trifft eine der letzten zwei Schnecken
    Es knirschet das Haus ob seines Trittes
    Die and’re kommt davon mit dem Schrecken

    Die Leiche bleibt kleben unten am Schuh
    Und viel schneller als alle gedacht
    Zwar schlafend nun in ewiger Ruh’
    Hat sie das Rennen gemacht!

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